In der

Allergiesprechstunde

Sonntagabend, ich saß in meiner Nachtschicht im Frauenhaus. Ein guter Job, um tagsüber flexibel für alles Künstlerische zu sein. Ich saß dort, und plötzlich – das hatte es bislang noch nie gemacht – fragte mich mein Handy, ob ich mir nicht einen Wecker für meinen HNO-Termin morgen früh stellen möchte. JA! Möchte ich! Ich hatte den Termin vergessen!


Vor Wochen hatte ich zusammen mit meiner HNO-Ärztin im Rahmen meiner Allergiebehandlung einen Termin für einen speziellen Provokationstest im Uniklinikum meiner Stadt vereinbart. Da ich, um dort pünktlich zu sein, am Morgen nach meiner Schicht direkt von der Arbeit aus los musste, bat ich meinen Mitbewohner, mir ein Foto meines Überweisungsbriefs zu schicken. Mit dem Vergessen des Termins gab es das Vergessen der Überweisung inklusive...


Am nächsten Tag düste ich also ziemlich schnell und übermüdet los. Nach einer halben Stunde Busfahrt fand ich mich vor einem großen, grauen Gebäude wieder: dem Uniklinikum. Mit einem mulmigen Gefühl, aufgrund eigener, vergangener Zeiten in Krankenhäusern, betrat ich den XXL-Karton. Um ein Verlaufen in dem Karton zu verhindern, ging ich direkt zur Information und machte mich anschließend, ausgestattet mit Routenwissen, auf den Weg zur HNO-Abteilung.


So viele Menschen, so viele große, weite, gähnende Gänge. So viele Fenster und kahle Wände. Automaten, ein Restaurant, Kaffee, Friseur – alles in diesem riesigen grauen Karton. Mit jedem Schritt wuchs das bedrückende Gefühl, und unerwartet auch ein paar Ängste, durch die Erinnerungen an meine Geschichten. Irgendwann schrie etwas in mir sogar danach, einfach umzukehren. Ich entschied mich stattdessen für tiefes Ein- und Ausatmen. Ich ermahnte mich, dass ich das Privileg hatte, hier gleich einfach wieder herausgehen zu können. Ein bisschen schämte ich mich auch, wo doch so viele Menschen hier durch ernsthafte Krankheiten festgebunden sind. Vor allem, als mir stehend auf einer Rolltreppe und durch den weiten, langen Bau daran erinnert, der Gedanke kam, "dass ich Flughäfen lieber mag als Krankenhäuser.."


Der Satz wurde zu einem richtigen Ohrwurm, fast wie ein Mantra: „Ich mag Flughäfen lieber als Krankenhäuser. Ich mag Flughäfen lieber als Krankenhäuser. Ich mag Flughäfen lieber als Krankenhäuser..“


Nach meinem Marsch schließlich auf der Station angekommen, zog ich eine Nummer, setzte mich auf den Stuhl, der mir am freundlichsten vorkam, und wartete auf meinen Aufruf. Meine Zahl erschien auf einem großen Bildschirm, und mit ihr die Anweisung, in das Anmeldezimmer 2 zu gehen.


In Anmeldezimmer 2 wartete Herr Ballertraller auf mich.

(Den Name habe ich verfremdet, er klang aber ähnlich fantastisch.)

Herr Ballertraller war ein netter Herr, Mitte bis Ende 40. Ich erzählte ihm gleich entschuldigend, dass ich meine Überweisung leider zuhause vergessen hatte. „Aber ich habe ein Foto!“, schloss ich meine Erzählung strahlend und streckte ihm mein Handy entgegen. Er brauchte allerdings erst einmal meine Krankenkassenkarte. Da ich auch diese zuhause liegen hatte, hatte ich bereits auf dem Hinweg zum Karton eine Bescheinigung über meine Versicherungs-App angefordert. Genial, dass so etwas geht!

Herr Ballertraller bat mich darum ihm die Bescheinigung zu faxen, und schließlich, nachdem mein Handy entschied, dass das Fax-Gerät des netten (!) Herr Ballertraller nicht vertrauenswürdig sei, darum, sie ihm zu mailen. Dafür schob er mir einen Zettel mit seinen Kontaktdaten zu. Eifrig begann ich, die darauf stehende E-Mail-Adresse abzutippen, als er mich um meinen Personalausweis bat. „Um parallel schon einmal Ihre Daten ins System eingeben zu können.“

„Ah, mein Ausweis…“, sagte ich. „Der Ausweis, der neben meiner Krankenkassenkarte zuhause liegt… Aber ich habe ein Foto!“, schloss ich, zum erneuten Male erleichtert um diese Lösung, und streckte ihm ein Foto meines Reisepasses entgegen, nachdem ich doch keines von meinem Ausweis fand.

Während all dem stellte ich fest, dass die Laune im Raum irgendwie absurderweise stieg.

„Waren Sie denn schon einmal hier im Haus?“, fragte mich Herr Ballertraller. „Nein.“, erwiderte ich. „Ich bin lieber an Flughäfen!“, sagte ich nicht. Er antwortete verschmitzt und mit einem kleinen Glucksen:

„Das macht das alles natürlich auch nicht leichter.“ „Ja…“, sagte ich schief, „aber leichter als an Flughäfen.“ sagte ich nicht.


Die E-Mail kam an, meine Daten ins System und als Nächstes die Information, dass er mich vorläufig als Privatzahlerin registrieren müsse, ich aber die Überweisung nachreichen könne, um als Kassenpatient abgerechnet zu werden. „Klasse! Das muss dann innerhalb von zehn Tagen sein, oder?“ Die Information hatte ich vorbereitend im Internet gefunden. „Sie haben sogar zwölf Tage Zeit!“, sagte er stolz, und ich überlegte, ob er das wissend sagte, dass zwei Tage mehr bei mir immer gut sein könnten. Ich fand ihn unglaublich sympathisch.

Ich antwortete begeistert: „Toll! Dann schicke ich einfach einen Brief!“, zog mein Handy und wollte die Adresse von dem Kontaktdatenblatt abfotografieren, das er mir zu Beginn gegeben hatte. „Das können Sie mitnehmen.“, sagte er lächelnd. „Das kann ich verlieren.“, sagte ich lächelnd, und knipste ein Bild.


Kleine Anmerkung meinerseits: Ich bin nicht immer verpeilt. Ich habe nur sehr oft sehr wenig Schlaf. Dann finde ich mein Gehirn nicht, und mein Gehirn hilft mir sonst immer, alle anderen Sachen zu finden.


„So! Jetzt brauche ich nur noch eine Unterschrift von Ihnen.“, lächelte der Mann wieder und schob mir ein Papier zu. Da im Schube dessen kein Kugelschreiber mitkam, begann ich, in meinem Rucksack nach einem zu suchen. Ich fand – einen Bleistift.

„Geht auch ein Bleistift?“, fragte ich, die Antwort ahnend. Innerlich immer weiter darüber amüsiert, wie offensichtlich schräg diese Anmeldung war.

„Oh nein, es muss dokumentenecht sein.“, erklärte er freundlich, bekugelschreiberte mich, und ich unterkugelschrieb.

"Dokugelschreibermentenecht!" - Ich finde es übrigens vollkommen in Ordnung, Wörter zu erfinden.


Obwohl – oder vielleicht auch weil – alles so seltsam lebendig war, verabschiedeten Herr Ballertraller und ich uns mit einem XXL-Karton-großen Lächeln und einem noch größeren Wunsch nach einem schönen Tag. Ich ging zurück in den Warteraum und erfüllte die Raumfunktion.

Dort sitzend musste ich weiter über diesen wirklich freundlichen und geduldigen Mann nachdenken. Wie schön ein Kontakt sein kann, obwohl man so wenig übereinander weiß. Wie Herr Ballertraller immer wieder ins Krankenhaus statt zum Flughafen fährt und wie chaotisch das alles gerade zwar war, aber wie viel chaotischer unsere beiden eigenen, ganz privaten Leben wahrscheinlich sind. Versteckt und leise im Hintergrund. Jeder ist doch irgendwie ein gebrochener Chaot und weint…


Ich hatte Hunger. Unvorbereitet auf den Termin hatte ich nichts zum Frühstücken mitgenommen. Zufälligerweise – wobei ich es in solchen Momenten liebe, nicht an Zufälle sondern an Schicksal zu glauben – hatte mir meine Kollegin morgens ein Stück Bananenkuchen mitgebracht. Ich wollte den Kuchen eigentlich aufheben und außerhalb des grauen Kartons essen, als „Anker“ zur Außenwelt. Aber etwas beschwingt durch das nette SEIN mit dem freundlichen Mann, holte ich ihn jetzt aus meiner Tasche und biss ab. Uff, kann meine Kollegin gut backen. Zwei Bissen später leuchtete meine Nummer erneut auf, und ich lief, schon vorfreudig gespannt auf den nächsten Menschen, den ich treffen würde, in Behandlungsraum 3.


In Behandlungsraum 3 saß eine junge Frau mit auffallend offenen Augen. Nicht, dass ich erwartet hätte, sie mit geschlossenen Augen dort sitzen zu sehen. Ihr Blick war einfach sehr einladend: offen und lieb. Ich schätzte sie auf knapp mein Alter, vielleicht etwas älter.

Ich erklärte ihr direkt meine „Ich habe den Überweisungszettel vergessen“-Lage. Sie lächelte freundlich mit ihren offenen Augen, die sie dabei etwas schloss, aber nicht ganz, sondern nur so weit, wie es bei einem ehrlichen Lächeln eben passiert, und sagte mit einer lieben Stimme, dass sie mich natürlich auch so behandeln könne.


„Worum geht es bei dir denn?“

- „Toll! Sie duzt mich!“, dachte ich. Das mag ich.


Nachdem ich ihr von dem angeforderten Provokationstest durch meine Ärztin erzählt hatte, merkte ich plötzlich eine Anspannung in ihr.

„Oh je...“, sagte sie. „Ich glaube, da wurden Sie aus Versehen in die falsche Sprechstunde eingeteilt.“

Ich musste innerlich sofort an Herrn Ballertraller denken und nahm schon Anlauf, ihn in Schutz zu nehmen, als ich durch ihre fortlaufende Erklärung merkte, dass das wohl damals am Telefon bei der Terminvergabe schiefgelaufen war.

„Die Kollegen für die Allergietests sind leider immer nur dienstags da...“

„Oh“, sagte ich und reagierte innerlich irgendwie überraschend entspannt auf diese Information.

„Hm, wann wäre denn der nächste Termin frei?“

Entschuldigend schaute sie nach, und noch mehr entschuldigend antwortete sie mir, dass das leider erst in zwei Monaten ist...

„Oh“, sagte ich wieder und stellte erneut fest, wie unaufgeregt ich immer noch war. „Hm, ja, dann werde ich da wohl einfach wiederkommen.“

Ihr tat es schrecklich leid, und mir tat es schrecklich leid, dass es ihr schrecklich leid tat, wo sie doch gar nichts dafür konnte und ich ja innerlich so entspannt und ruhig damit war. Ich sagte ihr lächelnd, dass das wohl heute einfach nicht sein soll. Und gerade als ich aus dem Zimmer in den Flur gegangen war, lief sie mir nach und sagte, dass ich ja schon einmal einen Bluttest machen könnte. „Für erste Ergebnisse!“


Blut abnehmen? Okay!

Absurder Einschub an dieser Stelle: Ich verbinde mit Blutabnehmen äußerst positive Dinge. Mein Vater hatte mich einmal als Kind zu einer Abnahme begleitet und mich dabei durch seltsame Kommentare – darin ist er gut – so sehr zum Lachen gebracht, dass die Krankenschwester uns ermahnte, gleich noch einmal zustechen zu müssen, weil ich so herumwackelte.


Mit dieser Erinnerung bewaffne ich mich seither im Fall der Fälle und folgte nun einer etwa eineinhalb Köpfe kleiner als ich großen Krankenschwester. Munitioniert mit meinem Erinnerungsgrinsen betraten wir einen Laborraum.


Ich hatte gerade auf dem Stuhl Platz genommen, da guckte die junge Ärztin mit den offenen offenen Augen – macht es das leichter? – zu uns in den Raum, um zu sagen, dass ich, wenn ich fertig bin, noch einmal zu ihr kommen soll. Sie würde auch schon mal meine Anamnese machen. „Alles klar!“, erwiderte ich, und bekam daraufhin die Frage der, jetzt wo ich saß, eineinhalb Köpfe größer als ich großen, Krankenschwester gestellt, ob ich zum Haus gehöre. „Ich ziehe Flughäfen XXL-Kartons vor.“, antwortete ich nicht, und erklärte freundlich, dass es vorhin nur alles etwas chaotisch war mit meinem Termin.


Daraufhin begannen wir über Chaos zu sprechen. Was denn überhaupt Ordnung ist. Dass alles zum Chaos strebt, dass das der stabilste Zustand ist. Sie erzählte mir von ihrem Sohn, der gerade mit seiner Freundin zusammengezogen war, und von einem Familienfreund, der als Heizungsmonteur arbeitete. Sie erzählte mir, wie wichtig es ist, in einer Beziehung achtsam zu sein. Dass Ruhe und Nichtstun auf dem Sofa nach einem langen Arbeitstag nicht „faul“ sein muss, sondern vielleicht auch einfach heißt, dass der Heizungsmonteur immer dort arbeitet, wo es entweder zu kalt oder zu warm ist, dass er schwer trägt und ein „Jetzt, wo du da bist, nimm du doch mal die Kinder“ vielleicht gar nicht so einfach ist. Für seine Frau natürlich auch nicht. Dass man aber auf ein Miteinander mit viel Respekt und Achtsamkeit hinarbeiten sollte. Dass der Teamgedanke in Partnerschaften mit das Wichtigste ist, wie wichtig aber auch eigene Interessen und Leidenschaften sind, mit denen man sich immer wieder gegenseitig bereichern kann, und wie wichtig es ist, auch Freiräume voneinander zu haben.

Nachdem, unter all dem vielen Reden, aus Versehen mein ganzes Blut außerhalb meines Körpers war, ersparte ich den Allergieärzten und mir den Termin in zwei Monaten und – Nein, wir waren zwar intensiv am Sprechen, aber nur kurz.

Ich ging, abgenadelt und bepflastert, zurück zu der Ärztin mit den offenen offenen Augen, die sie natürlich manchmal kurz zum Blinzeln schloss.

Nach dem Anamnese-Gespräch bohrte sie mir noch mit einem leuchtenden Stab in die Nase. Gefühlt kam sie dabei bis zu meinem Gehirn, das sich daraufhin gar nicht mehr so müde anfühlte und sich an diverse Coronatests erinnerte. Irgendwann stellte die Ärztin mir die Frage, was ich eigentlich so mache. Ich erzählte ihr von meiner Tätigkeitsliste: Frauenhaus, Alltagshilfe bei einer alleinerziehenden Mama, Schauspielerin und endete mit meiner neuesten Leidenschaft: Hochzeitsfotografie! Absolut begeistert sagte sie daraufhin, dass sie mich buchen wird! Sie hat zwar noch keinen Freund, aber das findet sie super! Ich wiederum fand SIE super, so roh und pur und mit ihren offenen offenen Augen, die sie manchmal zum Blinzeln schloss. Ich merkte wieder, wie gern ich Menschen habe...

Wir tauschten sogar Kontaktdaten aus, für den Fall einer Hochzeit!


Der Gang durch die langen Flure hinaus aus dem XXL-Karton war anschließend nicht nur wegen des Wissens gerade auf dem Rückweg zu sein, um einiges leichter. Ich musste, im Bus sitzend, das Pflaster, das ich nach der Blutabnahme bekommen hatte, zwar trotzdem „zur Neutralisation“ in das Bananenkuchenpapier wickeln, aber ich lächelte ein ganz besonderes und glückliches Lächeln. Da hatte mich der graue Karton doch ganz schön in Farbe getunkt.


Daheim machte ich mich gleich an den Brief für Herr Ballertraller:


„Lieber Herr Ballertraller,

vielen Dank, dass Sie sich so viel Zeit genommen haben, nachdem ich meine Überweisung, meine Krankenkassenkarte und meinen Personalausweis vergessen habe...

Danke, dass Sie so geduldig und freundlich waren.

Ganz liebe Grüße, und fahren Sie, statt zur Arbeit, bald mal zum Flughafen,

Katrin“

„Ich sende den Brief sofort ab!“, dachte ich. Und gab ihn, nachdem ich keine Briefmarken hatte, beide Postfilialen in meiner Nähe außerplanmäßig geschlossen hatten und ich am nächsten Morgen einen super frühen Zug in die Schweiz nehmen musste, zehn Tage später bei der Post ab. „Sie haben sogar 12 Tage Zeit!“, sagte er stolz, und ich überlegte, ob er das wissend sagte, dass zwei Tage mehr bei mir gut sein könnten. Ich fand ihn unglaublich sympathisch.


Geschrieben 29. August 2024